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10 Tafeln / 4 Projektionen

Tomek Mzyk beschäftigt sich in seinen fotografischen Arbeiten mit Orten und Architekturkonzepten, die als Synonyme für gescheiterte und unerfüllte politische und gesellschaftliche Utopien gelten können.

Die Publikation »10 Tafeln / 4 Projektionen« zeigt Motive zweier neuer Werkreihen, die Mzyk in den verlassenen Räumen eines vor dem Abriss stehenden Schulgebäudes fotografierte. Die Schule, die 1974 gebaut wurde, stand mit ihrem besonderen pädagogischen Konzept für eine Reihe von gesellschaftlichen Ideen jener Jahre, die ihren Widerhall ebenfalls in der Architektur fanden. Mzyk nähert sich dieser Architekturepoche und ihrer verschwindenden Nutzbauten jedoch nicht rein dokumentarisch. Er inszeniert den vorgefunden Ort bewusst neu und verleiht den Räumen und Objekten durch gezielte Interventionen erweiterte Bedeutungsebenen, die sich in seinen Fotografien u.a. in malerischen als auch skulpturalen Aspekten zeigen.

Das mit dem Kreativbüro »Studio Parat« entwickelte Künstlerheft greift in seiner Struktur vor allem die Idee der Tafel auf und überträgt diese in ein System gefalteter Druckbögen, die in Kombination und Reihenfolge umgeordnet werden können und so immer neue Bildverknüpfungen und motivische Zusammenhänge ergeben.

In his photographic works, Tomek Mzyk engages places and architectural concepts that can function as synonyms for failed and unfulfilled political and social utopias.

The publication “10 Tafeln / 4 Projektionen” displays motifs from two new series of works Mzyk photographed in the abandoned rooms of a soon to be demolished school building. The school, built in 1974, employed a unique pedagogical concept and stood for a range of contemporary social ideas echoed in its architecture as well. Mzyk, however, does not approach this architectural epoch and its disappearing public buildings from a purely documentary standpoint. Instead, he consciously stages found places in a new light, using targeted interventions to lend rooms and objects additional levels of meaning. These, then, appear in pictorial, sculptural, and other facets of his photographs.

This artist's book, developed alongside the creative agency “Studio Parat,” uses a structure that draws primarily from the idea of the board, translating it into a system of folded, printed sheets whose order and combinations can be rearranged to produce ever changing series of images, motifs, and correlations.


Tomek Mzyk
»10 Tafeln / 4 Projektionen«
Revolver Publishing, Berlin 2015
20 Seiten, 10 Abb., 21 x 28 cm, Gummibindung
inkl. 2 Poster, 4 Abbildungen, 37 x 52 cm, gefalzt
ISBN: 978-3-95763-303-3

Tomek Mzyk
»10 Tafeln / 4 Projektionen«
Revolver Publishing, Berlin 2015
20 pages, 10 images, 21 x 28 cm, elastic band
incl. 2 posters, 4 images, 37 x 52 cm, folded
ISBN: 978-3-95763-303-3

 



 

Betrachtung, Bewegung, Wandel in Zeit und Raum. Zur Architektur in der
Fotografie der Bielefelder Schule1
von Cora Waschke

 

Unter dem Aspekt des Wandels von Orten im Wandel der Geschichte widmet sich Tomek Mzyk in dem Zyklus SILENT INDUSTRY (2004-2007) (...) Hütten auf einem ehemaligen Industriegelände in Polen. Die Labilität ihrer Konstruktion und relative Offenheit zum Außenraum allerdings zeugen von der Flüchtigkeit ihrer Nutzung und Präsenz. Oftmals über Nacht verschwunden und an anderer Stelle wieder aufgebaut, dienen sie einer nomadischen „Arbeiterguerilla“, die herumliegende Überreste der Industrie aufsammelt und verwertet.2

In den Fotografien und Filmen von Tomek Mzyk wirken Gebäude als Synonyme für gescheiterte ideologische und politische Utopien und als Gradmesser, von deren Erscheinung sich die veränderlichen Standpunkte und Ansichten von Gesellschaften ablesen lassen. So zeugen die Fotografien und ein Video der Reihe OUTOPIA (2009 – 2010) des Ihme-Zentrums in Hannover von dem Verfall eines Wohn- und Geschäftskomplexes. Das Ihme-Zentrum wurde in den siebziger Jahren im Zuge eines sozialreformerischen Baubestrebens errichtet, endete aber aufgrund von bauplanerischen Mängeln und der Umorientierung einer als attraktiv empfundenen Wohnarchitektur als spärlich bewohnte Bauruine. Eine kreative und kulturelle Nutzung wurde gestoppt von einer kapitalorientierten, im Zuge der Finanzkrise verfehlten Investitionspolitik.

In seinem Jetztzustand ist das Ihme-Zentrum nicht ein Symbol einer gescheiterten, städtebaulichen Utopie der 60er- und 70er-Jahre. Es ist heute das Symbol einer konsumorientierten Gesellschaft, der – außer einer zweifelhaften Prognose eines angeblich ewig andauernden Wachstums und Konsums – der Sinn für Utopisches und Visionäres völlig abhanden gekommen ist.3

Diese Sichtweise Mzyks lässt sich in seinen Fotografien wiedererkennen. Es findet keine Verurteilung der Architektur selbst statt. Vor allem in der schwarz-weiß gehaltenen foto- grafischen Reihe ARCHIDEOLOGIE von 2013 erlangen die in Hannover stehenden Gebäude aus den 60er- und 70er-Jahren auch eine abstrakte Ästhetik, die für seinen genauen und wertschätzenden Blick für die oftmals nur noch als Bausünde betrachtete Architektur spricht. Nicht die spektakuläre auf Medienwirksamkeit hin gebaute Prestigearchitektur, sondern vor allem monofunktionale Neben- und Durchgangsräume wie Hauseingänge, Durchfahrten, Parkhäuser und Tiefgaragen, sogenannte Nicht-Orte oder Lost Places, werden im Blick des Fotografen zu abstrakten Kunstwerken. Schon vor dem Spatial Turn in der Kultur- und Sozialwissenschaft Ende der 1980er Jahre und dem von Marc Augé und Michel de Certeau geprägten Begriff taucht der Nicht-Ort in den 70er Jahren in den Fotografien des US-amerikanischen Fotografen Lewis Baltz auf. Mit abstrahierenden Schwarz-weiß-Aufnahmen menschlicher Nebenschauplätze begründete er eine neue fotografische Bewegung, bekannt als New Topographics. Auch Tomek Mzyk erkennt in diesen außerhalb des Fokus der Aufmerksamkeit liegenden Gebäude ohne Anspruch besonderer, durchgestalteter Ästhetik raffiniertes, modernes Formenspiel. In der Nahsicht werden in den Fotografien Mzyks wiederum die haptischen Oberflächen der Gebäude betont, die eine raue Widerständigkeit vermitteln; die einen festhalten wollen, die den Blick nicht vorbeigleiten lassen. Denn – so De Certeau über den Unterschied zwischen der Statik des Ortes und der Dynamik des Raumes – »Gehen bedeutet, den Ort zu verfehlen.«4

Tomek Mzyk hat für diese Bilder eine schwarz/weiße Tonalität gewählt, die in den 20er-Jahren für abstrakte Ergebnisse in der Architekturfotografie ein entscheidender Faktor war. Wurden damals allerdings die Glätte und kubische Wirkung der Gebäude des Neuen Bauens in starkem Kontrast akzentuiert und Unebenheiten überblendet oder auch retuschiert, werden letztere von Mzyk gesucht und hervorgehoben. Schattenspiele von Pflanzen, dürfen sich diffus und ornamental darüber legen. Allgemein als störend empfundene Elemente – wie ein eckiger Gullideckel oder Begrenzungslinien – erscheinen als ästhetische Teilobjekte und künstlerische Interventionen. Klebereste, Abnutzungen, Farb- kleckse sind hier unverzichtbare, fast rührende Bestandteile von Fotografien, die sowohl malerische Aspekte wie skulpturale Momente in Architektur wie im Bild hervorheben. Den Umgang mit der Architektur in seinen Fotografien, so bestätigt Mzyk, empfände er als Dokumentation einer wie eigens geschaffenen Installation. In diesem gestalterischen Selbstverständnis kippt Mzyk diese »Archisculptures« in seinen Fotografien schon mal um 90 Grad. Der schöpferische Zugriff auf Architektur wird somit unterstrichen ebenso wie die Bedeutung der Architekturfotografien als abstrakte Kunstwerke.

1 Waschke, Cora: Betrachtung, Bewegung, Wandel in Zeit und Raum. Zur Architektur in der Fotografie der Bielefelder Schule, in: Die Bielefelder Schule – Fotokunst im Kontext, Bielefeld 2014, S. 143 – 144.

3 Mzyk, Tomek: Melancholie an Rawa und Ihme. Deindustrialisierte Orte und städtebauliche Utopie, in: Planerin, Heft 1 / 10, Februar 2010, S. 19.

4 de Certeau, Michel: Kunst des Handelns [1980], übers. Von Ronald Voullié, Berlin 1988, S. 197.

 



 

Von Bauten und Bildern von Katja Roßocha
Archideologie, 2014

Hannover war im Zweiten Weltkrieg stark zerstört und sehr schnell wieder aufgebaut worden. Dem Stadtentwurf des damaligen, heute umstrittenen Stadtbaurates Rudolf Hillebrecht (1910 – 1999) wurden auch Gebäude geopfert, die nicht vollständig vernichtet waren. Hillebrecht wollte die Landeshauptstadt für die Anforderungen einer modernen Messestadt rüsten – mit Straßenschneisen für fließenden Verkehr und einer wachsenden Bevölkerung von bis zu 600.000 Einwohnern, eine bis heute nicht erreichte Zahl. Allen voran gilt das Ihme-Zentrum als fatales Resultat dieser falschen Prognose: ab 1972 für bis zu 2.900 Personen nah am Innenstadtbereich Hannovers und direkt am Fluss Ihme erbaut, sollte diese Wohninsel mit teils 20-stöckigen Gebäuden gemäß einer zukunftsgewandten Utopie sämtliche Bedürfnisse seiner Bewohner abdecken. Weitere solche Wohnprojekte waren geplant, aber nicht weiterverfolgt worden und heute gilt das Ihme-Zentrum als hochproblematisch.

Tomek Mzyk, der seit vielen Jahren in Hannover lebt, hat sich mit diesem vielschichtigen Gebäudekomplex bereits 2009 in seiner Serie OUTOPIA auseinandergesetzt. Etwa 30 Motive und ein Video fangen die Stimmung vor allem in den leerstehenden, zugigen unteren Ebenen der Ladenlokale und Parkplätze ein. Im Zuge des Stipendiums »HannoverShots« beschäftigte er sich 2013 wieder mit hannoveraner Bauten der 1960/70er-Jahre. Aktuelle Diskussionen um Abriss und Verschönerung diverser Bausünden dieser Zeit, beziehungsweise erneute Spekulationen um Investoren beim Ihme-Zentrum, verschärften die Relevanz des Themas.

Für ARCHIDEOLOGIE fotografierte er Wohnkomplexe und öffentliche Gebäude. Oft wurde hier Beton in unterschiedlichen Mischarten, sichtbar und mit anderen Materialien kombiniert, verbaut. Die speziellen Eigenschaften und Qualitäten des Materials, flexibel und kostengünstig zu sein, versprachen die günstige Unterbringung vieler Menschen. Mehr noch: in vielen Regionen stand Beton für Fortschritt und Wohnkomfort für alle. Bevölkerungswachstum und eine insgesamt prosperierende Wirtschaftslage berechtigten zu bauen, was und weil es möglich war. Beton war der Stoff dieser Ideologie.

Meist von außen und als schwarz-weiß Bilder aufgenommen, variieren die 33 Fotos dieser Serie ihre Blickwinkel und Objekttypen: Details einzelner Gebäude werden fokussiert oder inszeniert, Flächen abstrakt und verfremdend zu einem Bild komponiert, Perspektiven dekliniert oder Nähe und Distanz in einem Bild kombiniert. Oft fokussiert der Fotograf einen Gebäudeteil: etwa eine betonierte schwere Außentreppe, die eine Fuge in Szene setzt, die mit der Pflasterung des Bodens korrespondiert. Oder die Staffelung und Würfelung der Baukörper des in unterschiedlichen Betonarten gestalteten Allianz-Hochhauses – mit Blick auf ihre abgerundeten Ecken (Seite 37). Jedes Foto ist genau komponiert, Standort und Kameraausrichtung sorgsam gewählt. Detailreiche Fotos wechseln sich mit kompakten, fast monolithisch-wirkenden Fotos ab, die den Hauptanteil der Bilder ausmachen.

Ein Foto zeigt eine fensterlose, in hellem Backstein gemauerte Gebäudeecke (Seite 7). Aus der Distanz wirkt dieser Bau wie eine wehrhafte Trutzburg – und rätselhaft: so wird ein Sockel, der sich schräg aus einer Wand entwickelt, in Blick genommen, sein Sinn aber bleibt ungeklärt. Das Bild der »Großen Begehbaren « ( Seite 9), eine aus einzelnen Edelstahlblättern bestehende, begehbare Skulptur des Künstlers Volker Gerlach von 1974 /76, verstellt geradezu den Blick auf die Architektur. Ihre räumliche Ausprägung als dreidimensionale Skulptur verflacht, wird aber durch ihre fast blattfüllende Präsenz kompensiert. Der große Wohnkomplex des Ihme-Zentrums, das durch den Fluss und die Auen von der »Großen Begehbaren« getrennt ist, taucht nur marginal in einem der Zwischenräume der Stahlblätter auf. Durch die Inszenierung und Staffelung dieser beiden Objekte verdichtet der Fotograf die realen Verhältnisse und schafft ein Bild, das sich von einer objektiven Erfassung losgesagt hat. Gleich zwei Fotos setzen eine Mauer großflächig ins Bild, die ebenfalls beinahe den Blick auf einen Gebäudekomplex im Hintergrund abriegelt (Seiten 20 / 21). Aus unterschiedlichen Sichtwinkeln fotografiert und nebeneinander gesetzt, thematisiert dieses Doppelfoto vor allem die Konstruktion des Bildes. Vier Fotos (Seiten 32– 35) fokussieren die Stütze einer Hausdurchfahrt aus verschiedenen Blickwinkeln. Deutlich beweist der Fotograf auch hier sein Interesse für das Bildhafte – etwa die Rhythmisierung der Flächen von Wand und Pfeiler, der parallel darauf fallenden Schatten, das Zusammenspiel von hellen und dunklen Flächen und das zarte Schattenspiel der Bäume. Die größere Anzahl von Fotos dieses einen Objekts lässt die Vielzahl der Betrachtungsmöglichkeiten aufscheinen. Alle Fotografien haben ihren Bezug zur Realität – als Dokument der Wirklichkeit aber wollen sie nicht verstanden werden. Bei allem Interesse für Architektur und ihrer Materialität geht es Mzyk nicht um die reine Dokumentation von Gebäuden und ihren wiedererkennbaren Details, sondern um Wahrnehmung und Konstruktion von Wirklichem sowie um das Bild in genau austarierter oder abstrahierender Komposition.

Dies bezieht auch die Präsentation seiner Fotos in Ausstellungen und im sorgfältig gestalteten Ablauf des vorliegenden Buches ein. Immer wieder korrespondieren Fotos und Motive miteinander, etwa die Seiten 23 und 25. Die Anlage dieser Bilder ist ähnlich: jeweils wurde ein einzelnes Hochhaus in Untersicht mit Blick auf die Außenkante in Richtung Himmel fotografiert, so dass an der Ecke perspektivisch der höchste Punkt erzielt wird. Nicht nur die reine Höhe der Häuser wird erlebbar, auch kleine Änderungen der gleichförmigen Architektur fallen auf – wie ein gekipptes Fenster oder ein Graffiti. Im Buch werden diese querformatigen Fotos als Hochformate präsentiert. Dies entspricht durchaus einer frühen Tradition der Fotobuchkunst und gewährleistet, dass alle Bilder, egal ob im Hoch- oder Querformat, gleich groß abgedruckt werden. Allerdings zwingt dies den Betrachter, entweder den Kopf oder das Buch auf die Seite zu legen, um das Motiv wie gewohnt anzusehen. Als Hochformate jedoch entwickeln sie eigene Qualitäten. Im Buch setzt Mzyk die Häuserspitzen einmal Richtung Falz, einmal Richtung Rand. So verzahnen sich die Gebäude, die sich auch in der Realität beinahe gegenüberstehen, beim Blättern ineinander. Der bildhaft geprägte Bezug einzelner Fotos zeigt sich auch zwischen Quer- und Hochformat. Auf den Seiten 29 und 31 etwa spielt jeweils eine hell angestrahlte Wand im oberen Bilddrittel die Protagonistenrolle im Dialog mit dunkleren Flächen.

Überhaupt ist die gesamte grundlegende Struktur der Publikation genau komponiert: Die erste Doppelseite mit Abbildungen zeigt im Ausschnitt zwei Bilder jeweils eines bereits beschädigten Sandsteinpfeilers mit Säule. Im Hintergrund ist ein Stück gegossenen Betons erkennbar, das das Ensemble ergänzt und stützt. Das Hybridensemble wirkt auf dem Pflastersteinboden wie aufgesetzt. Die Pfeiler sind Teile der ehemaligen Arkaden des 1894 erbauten Konzertcafés Neues Haus, das 1970 abgerissen wurde, um Platz für den Neubau der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover zu machen. Als Reminiszenz an den prächtigen Bau wurden die Arkaden an beinahe alter Stelle wieder aufgestellt.

Der Fotograf hat nur geringen Abstand zu seinem Objekt gehalten und es perspektivisch so fotografiert, dass kein Durchblick möglich ist. Vielmehr ergibt sich eine Schichtung der Bauelemente Wand, Pfeiler, Säule. Dabei dominieren die Vertikalen – inklusive der sichtbaren Lattung des gegossenen Betons. Hat der Fotograf die Säule auf der linken Seite mit Blick nach rechts aufgenommen, ist die Säule auf der rechten Bildseite mit einem Blick nach links fotografiert worden. Das heißt, der Betrachter ahmt auf dieser Doppelseite gerade nicht den Blick des Fotografen als Flaneur zwischen die Arkaden hindurch nach. Dafür nimmt er die Pfeiler in allen Details ihrer angekratzten Gegenständlichkeit wahr.

In der Serie ARCHIDEOLOGIE bilden diese Pfeiler nicht nur eine signifikante Brücke zwischen alter und neuer Architektur, sie haben einen richtungsweisenden und einführenden Charakter. Zwar sind sie kein Entrée, wohl aber ein Prolog ins Buch. Entsprechend unterbrechen die folgenden zwei Doppelseiten zunächst den Bilderfluss und geben noch einmal einen Anfang vor (links ein Vakat, wird rechts der Titel ARCHIDEOLOGIE programmatisch wiederholt). Danach beginnt die Haupt-Bildstrecke, die mit dem Foto der fensterlosen Gebäudeecke des massigen Backsteinbaus eröffnet wird. Es ist die 1972 fertiggestellte Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover.

Das Abreißen des Neuen Hauses und die Translokation seiner Arkaden zugunsten des Neubaus der Hochschule zeigen einen heute ungewohnten Umgang mit Architektur des späten 19. Jahrhunderts, die seit einiger Zeit wieder sehr geschätzt wird. Architektur unterliegt eben Moden und Geschmäckern. Weil sie dienend ist und in verschiedenen Funktions- und anderen Zusammenhängen steckt, bezieht sie ihre Berechtigung vor allem durch das, was die Benutzer ihr zugestehen – oder entziehen. Dass dies auch ein zeitgenössisches Phänomen ist, macht Mzyk durch das Schlussbild deutlich (Seite 61). Nun betrifft es allerdings die Architektur der 1960/70er-Jahre. Vom Hauptteil der Bilder getrennt, zeigt das letzte Foto als Epilog einen weitgehend demontierten Baukörper der hohen Sparkassentürme am Raschplatz. Aus geringer Distanz untersucht das Foto in sehr begrenztem Bildausschnitt eine hervorspringende Gebäudeecke und Details der Betonwände: die Lattung des Gießbetons, der darüber gelaufene, wässrige Putz, rostige Nägel oder Klemmen und im hellen Licht perspektivisch nur sehr verkürzt zu sehen: ein großes Loch. Die Türme prägten nicht allein durch ihre Höhe, sondern auch durch ihre samtig-dunkle Metalloberfläche das Bild am Bahnhof. Einige Monate waren sie nun in weiße Planen gehüllt – das Gebäude soll nicht abgerissen, wohl aber verändert und die ursprünglichen Metallplatten durch hellere ersetzt werden.

Mit diesem Motiv greift Mzyk das Thema der Prolog-Fotografien wieder auf – und zwar ganz im Sinne ihrer literarischen Funktion als Vor- bzw. Nachwort, Geleit und Interpretationshilfe. Als einzige Bilder dieser Serie zeigen sie drei sich im Bau, im Übergang und ohne konkrete Nutzung befindliche Bauten. Der Umgang mit Gebäuden, ihrer Umgestaltung, Umwidmung und Integrierung in einen sich verändernden Kontext, sind tägliche und dauernde Fragen und Herausforderungen vieler Städte. Wie verfahren wir mit Gebäuden, die ihre Berechtigung hatten, als sie geplant und gebaut wurden – die Bedingungen sich aber verändert haben? Wie mit ihrer Geschichte, die vielleicht nicht immer unsere ist? Ersetzt nicht eine Ideologie die andere und wird dies nicht besonders in der Eliminierung oder dem Glücken oder Scheitern ihrer Anpassung deutlich?




 

Park Secrets von Maik Schlüter
Vom Hier und Jetzt / Kunstverein Hannover, 2013

Der Park als künstliches Idyll ist ein utopisches Versprechen. Ein Ort der besänftigten und kultivierten Natur. Tomek Mzyk zeigt die ideologisch aufgeladene Variante einer Parkanlage. Ein kommunistisches und modernistisches Großprojekt, gewidmet der proletarischen Erholung und gekleidet im Gewand bürgerlicher Romantik. Ein Freizeit- und Erholungspark mit politischem Auftrag. Nach dem Niedergang der alten gesellschaftlichen Ordnung in Osteuropa begann eine neue kommerzielle und postindustrielle Ära. Der Park überdauert die Systeme. Geheimnisse haben sich in die Landschaft eingeschrieben. Denn Projektionen sind stärker als Politik und Geschichten währen länger als die Geschichte selbst.